Sucht am Arbeitsplatz - immer noch ein Tabu?!

Vorbeugen - Erkennen - Helfen

Alkohol- und Onlinesucht, illegale Drogen und Spielsucht, Medikamentenmissbrauch und Kaufsucht sind schon lange keine „private“ Angelegenheit mehr - Suchtverhalten am Arbeitsplatz ist mehr denn je ein brandaktuelles Thema. Circa 11 % der deutschen Arbeitnehmer trinken täglich am Arbeitsplatz. Über 1,1 Millionen Menschen in Deutschland sind Benzodiazepinabhängig (Beruhigungs- und Schlafmittel) und weit über 350.000 Betroffene sind mittlerweile Onlinesüchtig. Tendenz steigend.

Problematisches Verhalten oder der Konsum von Suchtmitteln hat unmittelbare und schwerwiegende Folgen für Firmen und Unternehmen. Ernste Probleme für die betroffenen Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Arbeitgeber entstehen nicht erst dann, wenn eine Abhängigkeitserkrankung bereits vorliegt. Auch ein riskanter und gesundheitsgefährdender Konsum wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit und das Betriebsklima aus.

Oft fängt die Abhängigkeit wirklich ganz banal an und ist sogar durch das Unternehmen „ungewollt“ gewollt. Am Beispiel von Alkohol, der gesellschaftlich seinen Platz gefunden hat und über den wir ja nun wirklich nicht weiter nachdenken, hier nun die Brisanz dieses wichtigen Themas.

Alkohol am Arbeitsplatz - legalisierte Alltagsdroge

Unternehmer, Manager und Führungskräfte, Betriebs- und Personalräte sowie die Kolleginnen und Kollegen innerhalb der Abteilungen versuchen häufig mit alkoholischen Getränken das Betriebsklima zu verbessern. Oftmals ist es auch Usus, auf Geburtstage, Jubiläen, besondere Abschlüsse oder auch einfach nur am Freitag den Start ins wohlverdiente Wochenende mit einem Gläschen anzustoßen. Anlässe und Gründe gibt es ja reichlich.

Kurzfristig scheint das eine sehr erfolgreiche Strategie zu sein, langfristig jedoch entwickeln sich in einem trinkfreudigen Klima mehr und mehr Probleme. Welche Wirkung hat Alkohol auf den Menschen?

  • Schon kleine Alkoholmengen beeinträchtigen unser Leistungsvermögen.
  • Bereits 0,2 Promille beeinflussen die Leistungsfähigkeit, verschlechtern die Wahrnehmung und lassen die Risikobereitschaft steigen.
  • Ab 0,5 Promille lässt die Konzentration nach, die Reaktionszeit verlängert sich und die Selbstüberschätzung nimmt zu.
  • Ab 1 Promille ist die Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt, der Tunnelblick tritt ein, die Sprache ist nicht mehr klar und Gleichgewichtsstörungen kommen hinzu.
  • Der Abbau von Alkohol dauert sehr lange, deshalb kann ein feuchtfröhlicher Nachmittag mit anschliessender Fahrt in den Feierabend mit dem Pkw schon eine „Trunkenheitsfahrt“ sein und mit 1,1 Promille im Blut gilt man als absolut fahruntüchtig.

Das Betriebsklima kann durch aggressives Verhalten, durch Leistungsausfälle, durch angestrengtes Vertuschen von Fehlern aufgrund des Alkoholmissbrauchs erheblich beeinträchtigt werden.

Besser ist es, das Betriebsklima durch eine gesunde Führungskultur zu verbessern und bei Feiern überwiegend oder ausschließlich alkoholfreie Getränke anzubieten.

Wichtig zu erwähnen ist hier, dass Arbeitgeber und Führungskräfte die Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern zu wahren haben. Wird die Fürsorgepflicht schlichtweg einfach ignoriert oder vielleicht auch vergessen oder übersehen, kann es im „Schadenfall“ durchaus zu einer Haftungsfrage für Unternehmer UND Führungskraft kommen.

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Wie können Suchtprobleme im Unternehmen gelöst werden?

Neben der unmittelbaren Hilfe für suchtkranke Kollegen kann auch vorbeugend gehandelt werden, indem Unternehmen für ihre Mitarbeiter gesundheitsfördernde Maßnahmen planen und in die Praxis umsetzen. Bewährt haben sich hier Prophylaxemaßnahmen und wirkungsvolle Präventionsprogramme sowie Infoveranstaltungen, Workshops und Seminare rund um das Thema Sucht am Arbeitsplatz oder auch die Einführung sogenannter EAP´s - Employee Assistance Program - eine direkte Möglichkeit für betroffene Mitarbeiter, anonym professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Betriebs- oder Dienstvereinbarungen zum Umgang mit Suchtproblemen oder zur Suchtprävention am Arbeitsplatz haben sich in vielen Firmen und Institutionen vielfach bewährt.

Was kann noch getan werden?

Alle in einem Boot - einmalige Aktionen einzelner Personen haben so gut wie gar keinen nachhaltigen Effekt. Daher ist es sinnvoll, für die Suchtprävention Kolleginnen und Kollegen zu gewinnen und für aktive Veränderungen von Arbeitsbedingungen einzubinden.

Diese Kolleginnen und Kollegen wissen selbst am besten, was geändert werden muss, haben jedoch oft nicht den Mut dazu, ihre Bedürfnisse im Unternehmen umzusetzen. Arbeitsgruppen mit der Aufgabe, Belastungen, schädigende Arbeitsabläufe, Über- und Unterforderungen zu erkennen und anzusprechen und in gesundheitsfördernde Arbeitsabläufe umzuwandeln, helfen dabei, suchtpräventiv tätig zu sein.

Überlegen Sie, Projektgruppen zu bilden, die auch die Befugnis haben, die erarbeiteten Vorschläge in der Firma umzusetzen. Erst dann kommt es zu den gewünschten Veränderungen. Wenn Sie in der Firma Hilfestrukturen aufbauen und das Thema „Suchtprävention“ zu einem Dauerthema machen können, werden Sie mehr und mehr Spaß an den Veränderungen haben, ein wichtiges Thema enttabuisieren und betroffenen Kollegen eine wertvolle Hilfe geben.

Klare Regeln - Sicherheit für alle Beteiligten

Hilfreich sind auch klare Regeln Umgang mit Suchtabhängigen Kollegen am Arbeitsplatz:

  • Sehen Sie Abhängigkeit als eine Krankheit und das für Sie nicht immer nachvollziehbare Verhalten eines abhängigen Kollegen als krankheitsbedingt.
  • Bleiben Sie Kollegin oder Kollege, äußern Sie Ihre Sorgen über das Verhalten. Sprechen Sie MIT dem Abhängigen, nicht über ihn. Und denken Sie daran: Sie sind nicht Arzt, Suchtberater oder Therapeut!
  • Bieten Sie Hilfe an. Stellen Sie den Kontakt zu internen oder externen Anlaufstellen her. Händigen Sie dem Abhängigen Informationsmaterial aus und bleiben Sie mit ihm im Gespräch.
  • Stecken Sie den Rahmen Ihres Hilfeangebotes unbedingt folgendes ab: Arbeitssicherheit hat einen höheren Rang als das Vertuschen einer Trunkenheit.
  • Versuchen Sie nicht, das Suchtproblem eines Kollegen oder einer Kollegin im Alleingang zu lösen. Stimmen sie sich immer mit der Unternehmensleitung, der Personalabteilung oder dem Betriebsrat ab.
  • Setzen Sie Grenzen, lassen Sie sich nicht erpressen, bleiben Sie sich selbst treu und tun Sie das, was Sie für richtig halten.
  • Bagatellisieren Sie die Suchtproblematik nicht. Nehmen Sie betroffene Kollegen ernst.
  • Versuchen Sie nicht, den Abhängigen durch Ihren eigenen Willen zu verändern und ihn mit Ihrer Hilfe zu verfolgen, damit er nun endlich begreift und sich eines Besseren besinnt. Nur der Abhängige selbst kann etwas gegen sein Problem tun. Niemand anders sonst.
  • Bieten Sie immer wieder Gespräche an, ziehen Sie aber konsequent einen Schlussstrich, wenn sich trotz Ihrer Hilfe nichts verändert.

Halten Sie sich an die Abmachungen, die Sie mit einem abhängigen Kollegen getroffen haben. Konsequentes Vorgehen hilft und Ihre Verbindlichkeit gibt dem Kollegen Sicherheit. Vertuschen verschlimmert das Problem. Sagen Sie der Kollegin oder dem Kollegen, was Sie beobachten, wie es Ihnen damit geht und welche Schritte Sie jetzt unternehmen werden.

Mehr Informationen erhalten Sie bei bundesweit tätigen Organisationen oder bei den jeweiligen Landesstellen für Suchtfragen sowie bei den Profis für Suchtprävention und Suchttherapie.

Zögern Sie nicht allzulang - Ihre Kollegen und Kolleginnen werden es Ihnen danken.

Christian Hütt
Heilpraktiker für Psychotherapie und Experte für Suchtprävention

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